Homöopathik

Organon der Heilkunst, 6. Auflage

Vorrede zur sechsten Auflage

Die alte Medicin ...............

Diese Unheilkust, welche seit einer langen Reihe von Jahrhunderten in dem Vorrechte und der Macht, über Leben und Tod der Kranken nach Willkür und Gutdünken zu verfügen, wie eingemauert fest sitzt und seitdem einer, wohl zehnmal größeren Anzahl von Menschen das Lebensziel verkürzte, als es je die verderblichsten Kriege getan, und viele Millionen Kranke kränker und elender machte, als sie ursprünglich waren -- diese Allopathie habe ich in der Einleitung zu den vorigen Ausgaben dieses Buches näher beleuchtet.

Jetzt werde ich bloß ihren geraden Gegensatz, die von mir entdeckte (nun etwas mehr vervollkommnete), wahre Heilkunst vortragen. 1)

1) Vorher wird man Beispiele aufgeführt finden, zum Beweise, dass wenn man in älteren Zeiten hie und da auffallende Heilungen verrichtete, es immer durch Mittel geschah, die der damals eingeführten Therapie zuwider, dem Arzte von ungefähr in die Hände geraten, im Grunde aber homöopathisch waren.

Mit dieser (der Homöopathik) ist es ganz anders. Sie kann jeden Nachdenkenden leicht überzeugen, dass die Krankheiten der Menschen auf keinem Stoffe, keiner Schärfe, d.i. auf keiner Krankheite-Materie beruhen, sondern dass sie einzig geistartige (dynamische) Verstimmungen der geistartigen, den Körper des Menschen belebenden Kraft (des Lebensprinzips, der Lebenskraft) sind.

Die Homöopathik weiß, dass Heilung nur durch Gegenwirkung der Lebenskraft gegen die eingenommene richtige Arznei erfolgen kann, eine um desto gewissere und schnellere Heilung, je kräftiger noch beim Kranken seine Lebenskraft vorwaltet.

Die Homöopathik vermeidet daher selbst die mindeste Schwächung 2),

2) Homöopathik vergießt nie einen Tropfen Blutes, gibt nicht zu brechen, purgieren, laxieren oder Schwitzen, vertreibt kein äußeres Übel durch äußere Mittel, veordnet keine heiße oder unbekannte Mineral-Bäder oder Arznei enthaltene Klystiere, setzt keine spanischen Fliegen oder Senfpflaser, keine Haarseile, keine Fontanelle, erregt keinen Speichelfluß, brennt nicht mit Moxa oder Glüheisen bis auf die Knochen u. dgl., sondern sie gibt mit eigener Hand nur selbst bereitete, einfache Arznei, die sie genau kennt und keine Gemische, stillt nie Schmerz mit Opium, usw.

auch möglichst jede Schmerz-Erregung, weil auch Schmerz die Kräfte raubt, und daher bedient sie sich zum Heilen bloß solcher Arzneien, deren Vermögen das Befinden (dynamisch) zu verändern und umzustimmen, sie genau kennt und sucht dann eine solche heraus, deren Befinden verändernde Kräfte (Arzneikrankheit) die vorliegende natürliche Krankheit durch Ähnlichkeit (similia similibus) aufzuheben im Stande sind, und gibt dieselbe einfach, in feinen Gaben (so klein, dass sie, ohne Schmerz oder Schwächung zu verursachen, eben zureichen, das natürliche Übel aufzuheben) dem Kranken ein, wovon die Folge: dass ohne ihn im Mindesten zu schwächen oder zu peinigen und zu quälen, die natürliche Krankheit ausgelöscht wird und der Kranke schon während der Besserung von selbst bald erstarkt und so geheilt ist -- ein zwar leicht scheinendes, doch sehr nachdenkliches, mühsames, schweres Geschäft, was aber die Kranken in kurzer Zeit, ohne Beschwerde und völlig zur Gesundheit herstellt -- und so ein heilbringendes und beseeligendes Geschäft wird.

Hiernach ist die Homöopathik eine ganz einfache, sich stets in ihren Grundsätzen so wie in ihren Verfahren gleichbleibende Heilkunst.

Wie die Lehre auf der sie beruht, erscheint sie, wohl begriffen, in sich völlig abgeschlossen und dadurch allein hilfreich.

Gleiche Reinheit in der Lehre wie in deer Ausübung, sollten sich von selbst verstehen und jede Rückverirrung in den verderblichen Schlendrian der alten Schule, (deren Gegensatz sie, wie die Nacht der Gegensatz des Tages ist) völlig aufhören, sich mit dem ehrwürdigen Namen Homöopathik zu brüsten.

S. Hahnemann, Paris, Ende Februar 1842

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